Bericht vom 6. Frankfurter Tag der Musiktherapie

Am 20.05.2017 trafen sich unter Federführung des Frankfurter Arbeitskreises für Musiktherapie (famt) e. V. Musiktherapeuten der Rhein-Main-Region zum 6. Tag der Musiktherapie in den Räumen der Frankfurter Fachhochschule. Inzwischen verfügt diese Form interkollegialer Weiterbildung in Frankfurt über eine mehrjährige Tradition und hat sich strukturell zum wiederkehrenden Treffpunkt entwickelt. Fokussiertes fachspezifisches Nachdenken zu ausgewählten Fragestellungen wird dabei vertieft, musiktherapeutische Vernetzungsarbeit gepflegt.
Der Hauptvortrag von Diplom-Musikpädagoge und Diplom-Musiktherapeut Dr. Peter Hoffmann (Leiter des Bereichs Kreativtherapie, Sport- und Bewegungstherapie sowie Kultur im LVR-Klinikum Düsseldorf) stand unter der Überschrift „Struktur und Form in Musik und Musiktherapie“. Mag die Thematik auf den ersten Blick sehr trocken anmuten, zeigt sie sich doch bei näherem Hinsehen als hochkomplex und für die musiktherapeutische Praxis als ausgesprochen relevant.b_150_100_16777215_00_images_IMG_20170520_114459kl.jpg
Struktur an und für sich bezeichnet das Zusammenfügen von Elementen. Was im ursprünglichen Sinne der Wortbedeutung den Bau von Mauern beschreibt, lässt sich auf Musik bezogen als Gestaltung musikalischer Bausteine und ihre Beziehung untereinander verstehen. Während der Struktur der handwerkliche Aspekt zufällt, wendet sich Form als ästhetisch- sinnliche Anschauung eines Gegenstandes in seiner äußeren Gestalt dem Hörer zu. Unter dem Strukturbegriff lassen sich also kompositorische Bausteine als Fundament subsummieren, aus denen heraus sich das Bauwerk der musikalischen Form entwickelt. Sowie Bausteine per se noch keine Mauer ergeben, ist auch Musik ohne Form nicht möglich.


b_150_100_16777215_00_images_IMG_20170520_124507kl.jpgFür Improvisation in der Musiktherapie ist Form weder Vorgabe noch Ziel. Vielmehr steht der Begegnungs-, Erfahrungs- und Entwicklungsraum spontanen Gestaltbildungen formal offen. Im Experimentieren mit Strukturen und Formprinzipien eröffnet sich ein Möglichkeitsfeld, bisherige Handlungsmuster und –formen aus dem Interaktionsprozess heraus zu überwinden. In der Arbeit mit psychiatrisch und/ oder psychosomatisch gestörten Patienten präsentieren sich häufig ein festgefahrenes Zeit-Erleben und Zeit-Gestalten, das sich in musikalischen Äußerungen spiegelt. Über das gemeinsame Spiel lässt sich bemerken, wohin sich der Patient in der Musik bewegen möchte, wo Potenziale und Begrenzungen liegen. Formbildung wird zum Ausdruck des individuellen Seins in der Zeit. Im therapeutischen Arbeitsprozess wird intersubjektiv ein Raum geschaffen, um das Auflösen alter Strukturen in neue Formen anzuregen. Veränderung von Formgestalten und Formerleben können zur Wiederentdeckung von Gestaltung in der Zeit finden. Auf etwas zuzustreben, lässt sich im therapeutischen Prozess probehandelnd erfahren, im Transfer auf die reale Lebenssituation anwenden und weiter entwickeln. Oft ist in der Musiktherapie das Tun an und für sich bereits hilfreich und erfordert nicht zwingend Verbalisierung zum Ziel der Mentalisierung. Der Referent illustrierte an Hand von klinischen Beispielen die differenziert vorgestellte Thematik, die sich oft schon beim Hören eines kurzen Ausschnittes der musiktherapeutischen Improvisationen erschließt.
Angeregt durch den Vortrag wurden am Nachmittag im Workshopcharakter Spielformen aus der klinischen Praxis ausgetauscht sowie auf dem theoretischen Hintergrund des Vortrags diskutiert.
Neben dem 6. Tag der Musiktherapie wurden über famt e. V. im ersten Halbjahr 2017 drei Tagesseminare angeboten. Diese Reihe wird im zweiten Halbjahr in gleicher Weise fortgesetzt. Nähere Informationen dazu stehen auf der Homepage unter www.famt.de.

Maria Sembdner

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